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das also bedeutet


die langsamkeit 
in den gängen 
zu viel zeit 
für die bilder 
an den wänden 
für die landschaften 
die veränderungen 
die weite im flur 
und übermorgen 
ist weihnachten 
die feiertage 
sagen sie dazu 

alles hier 
ist schonend 
und niemandem 
fällt man 
zur last 
im einzigen gang 
mit klavier 
das niemals 
jemand 
spielt 
die kraft zur klage 
fehlt 
und der wille 

ich horte 
kaffeesahne 
die ich nie 
trinken werde 
und baue 
pfirsich 
maracuja 
konfitüren 
türmchen 
in der nacht 
auf das 
schränkchen 

das also bedeutet 
jeden tag 
zu leben 
als sei es 
der letzte 

das also bedeutet


die langsamkeit 
in den gängen 
zu viel zeit 
für die bilder 
an den wänden 
für die landschaften 
die veränderungen 
die weite im flur 
und übermorgen 
ist weihnachten 
die feiertage 
sagen sie dazu 

alles hier 
ist schonend 
und niemandem 
fällt man
zur last 
im einzigen gang 
mit klavier 
das niemals 
jemand 
spielt 
die kraft zur klage 
fehlt 
und der wille 

ich horte 
kaffeesahne 
die ich nie 
trinken werde 
und baue 
pfirsich 
maracuja 
konfitüren 
türmchen 
in der nacht 
auf das 
schränkchen 

das also bedeutet 
jeden tag 
zu leben 
als sei es 
der letzte 

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Systemeinstellungen/Bildschirmhintergrund/Ändern 

Mein Kopf schwebt eine grün gerollte Hunderterhöhe über der gläsernen Tischplatte, die sich anfühlt wie zu Diamant gepresste Winterluft. Atmung zerstäubt zu Pulverwölkchen. Weißstürmisches Gestöber. 

Tief unter der glatten Barriere formen Flokativerwerfungen Viertausendergipfel. Sie türmen sich auf, Jahrmillionen in Sekunden, kurz darauf die Klarheit der Erkenntnis: Jemand hat den Tisch verrückt, gefolgt von der Ahnung, heute Nacht könnte etwas zersplittern 

- der transparente Himmel - 

zittert und schrill höre ich Beben als Ruf durch den Bass, und denke nur Anden und Absturz, und schmecke das gefrorene Fleisch. Ich bereue, diesen Film gesehen zu haben, aber irrlichtere durch die Faszination der Möglichkeit des Überlebens in einer Welt aus Eis. Das MDMA ordnet sich den Pilzen unter, das Artifizielle dem Natürlichen. Falsch dosiert. Die Bilder sind zu geschliffen. 

Caros Lachen klingt wie der Schrei eines Vogels über weiten Tälern, und ihre Nacktheit offenbart sich mir als folgerichtig, während ich glaube, Kausalzusammenhänge zu ertasten. Sie haben die Glätte von Kristallen; Caro dagegen ist zu weich und warm und schreit schon wieder Beben in mein Ohr, rüttelt weiter am Tisch, Beben, Beben, und ihre Brüste reiben sich an meinem Rücken, und ihr Körper: eine senkrechte Landschaft, ihre Arme greifen unter meinen hindurch, gespannte Sehnen vom Umklammern der Tischkante, Beben, hin, her, spitze Ellenbogen in den Rippen, hin, her. Meine halbe Erektion ist die größte Katastrophe. 

Ich vermisse das Eintreten des erhofften Zustands, ziehe die zweite Line, damit ich sie küssen kann, ohne mich vor dem Geschmack meines eigenen Samens zu ekeln. Konzentration auf das Geräusch des Nasenflügelschlags (das Flattern an der Scheidewand) wie von einem gefangenen Vögelchen, das endlich in den Kopf entkommt. Caro wird seltsam zärtlich, und als ich sie erneut ficke, bin ich rein, weiß und heilig.

Zielstrebig, zielstrebig meint Morris, dem ich Aufwachen gar nicht zugetraut hätte. Ich lese es von seinen Lippen, bevor er mir und Caro einen Kuss auf die Stirn drückt, die sich poliert anfühlt, hochglänzend, und ich weiß nicht, warum ich Caro genau dort über den feinlinierten Augenbrauen lecke, so ausdauernd, als könne ich irgendetwas darunter Verborgenes freilegen, ein Fenster in den Kopf lecken, durchlecken bis auf durchsichtige Knochen, durch Fleischfarben hindurch. 

Caro gibt ein unmotiviertes uh uh von sich, und Morris sitzt uns starrend gegenüber, mit blutunterlaufenen Augen. Kommt aus einer Dynastie, Geldadel, Erbe eines Imperiums, heute: Schamane. Ich sehe an seinem Blick, dass er das Coca für verschwendet hält, und schon ist er wieder aufgestanden, leckt mein Ohr und sagt Wasser, trink mehr Wasser, während Caro zuckt und, aller Wahrscheinlichkeit nach, kommt. 

Auf dem Weg zum Bad bleibt mir nur das Bild von seinem schlaffen Schwanz vor ihrem Gesicht, und als ich die Tür eintrete, der Gedanke, Morris übertreibe es manchmal. Die Drogen tun ihm nicht gut. Da kann er Wasser trinken, wie er will, und seinen Mischkonsum noch so detalliert tabellarisch aufschlüsseln, wenn er gleich wieder Time Bandits laufen lässt, wird er überall Zwerge sehen und ne Scheiß-Angst vor dem Meister des Bösen kriegen. Der thront in seiner schwarzen Festung und ich in meiner weiß gekachelten (Badezimmerspiegel beschlagen). Ich höhle meine Augen mit den Daumen aus, und komme unvermittelt zu der Überzeugung, das Konzept von Gut und Böse müsse neu überdacht werden. 
Der Körper in der Wanne strahlt eine kalte Friedlichkeit aus, ihr Arm hängt schlaff über dem feinen Porzellan. Ich hatte sie gar nicht vermisst. 

Das Konzept von Liebe, könne man gleich mit überdenken, denke ich, und auf dem Weg zurück ins Wohnzimmer kommt mir Caro entgegen, aber Wasser ist alles, was ich denke, und ich trinke ein bitteres Schlückchen aus einer Ampulle, verschlucke mich, und auf dem Monitor läuft bereits die Labyrinthszene, die Zwerge fallen fast über den Rand der steinernen Gänge des Irrgartens, während der gruselige Junge schreit: nein, nicht, es ist eine Falle, und Caros Schrei aus dem Bad legt sich darüber, und ich denke nur, der Film war eine Fehlentscheidung. 

Morris fragt Wasser?, ich sage Badezimmer!, und kurz bevor die Ketaminbombe zündet, hämmere ich auf die Escape-Taste. Der Bildschirmhintergrund wird zu einem Moment größtmöglicher Klarheit:

Caro und Morris, Lia und ich 

werde ihn ändern müssen. 

Systemeinstellungen/Bildschirmhintergrund/Ändern 

Mein Kopf schwebt eine grün gerollte Hunderterhöhe über der gläsernen Tischplatte, die sich anfühlt wie zu Diamant gepresste Winterluft. Atmung zerstäubt zu Pulverwölkchen. Weißstürmisches Gestöber. 

Tief unter der glatten Barriere formen Flokativerwerfungen Viertausendergipfel. Sie türmen sich auf, Jahrmillionen in Sekunden, kurz darauf die Klarheit der Erkenntnis: Jemand hat den Tisch verrückt, gefolgt von der Ahnung, heute Nacht könnte etwas zersplittern 

- der transparente Himmel - 

zittert und schrill höre ich Beben als Ruf durch den Bass, und denke nur Anden und Absturz, und schmecke das gefrorene Fleisch. Ich bereue, diesen Film gesehen zu haben, aber irrlichtere durch die Faszination der Möglichkeit des Überlebens in einer Welt aus Eis. Das MDMA ordnet sich den Pilzen unter, das Artifizielle dem Natürlichen. Falsch dosiert. Die Bilder sind zu geschliffen. 

Caros Lachen klingt wie der Schrei eines Vogels über weiten Tälern, und ihre Nacktheit offenbart sich mir als folgerichtig, während ich glaube, Kausalzusammenhänge zu ertasten. Sie haben die Glätte von Kristallen; Caro dagegen ist zu weich und warm und schreit schon wieder Beben in mein Ohr, rüttelt weiter am Tisch, Beben, Beben, und ihre Brüste reiben sich an meinem Rücken, und ihr Körper: eine senkrechte Landschaft, ihre Arme greifen unter meinen hindurch, gespannte Sehnen vom Umklammern der Tischkante, Beben, hin, her, spitze Ellenbogen in den Rippen, hin, her. Meine halbe Erektion ist die größte Katastrophe. 

Ich vermisse das Eintreten des erhofften Zustands, ziehe die zweite Line, damit ich sie küssen kann, ohne mich vor dem Geschmack meines eigenen Samens zu ekeln. Konzentration auf das Geräusch des Nasenflügelschlags (das Flattern an der Scheidewand) wie von einem gefangenen Vögelchen, das endlich in den Kopf entkommt. Caro wird seltsam zärtlich, und als ich sie erneut ficke, bin ich rein, weiß und heilig.

Zielstrebig, zielstrebig meint Morris, dem ich Aufwachen gar nicht zugetraut hätte. Ich lese es von seinen Lippen, bevor er mir und Caro einen Kuss auf die Stirn drückt, die sich poliert anfühlt, hochglänzend, und ich weiß nicht, warum ich Caro genau dort über den feinlinierten Augenbrauen lecke, so ausdauernd, als könne ich irgendetwas darunter Verborgenes freilegen, ein Fenster in den Kopf lecken, durchlecken bis auf durchsichtige Knochen, durch Fleischfarben hindurch. 

Caro gibt ein unmotiviertes uh uh von sich, und Morris sitzt uns starrend gegenüber, mit blutunterlaufenen Augen. Kommt aus einer Dynastie, Geldadel, Erbe eines Imperiums, heute: Schamane. Ich sehe an seinem Blick, dass er das Coca für verschwendet hält, und schon ist er wieder aufgestanden, leckt mein Ohr und sagt Wasser, trink mehr Wasser, während Caro zuckt und, aller Wahrscheinlichkeit nach, kommt. 

Auf dem Weg zum Bad bleibt mir nur das Bild von seinem schlaffen Schwanz vor ihrem Gesicht, und als ich die Tür eintrete, der Gedanke, Morris übertreibe es manchmal. Die Drogen tun ihm nicht gut. Da kann er Wasser trinken, wie er will, und seinen Mischkonsum noch so detalliert tabellarisch aufschlüsseln, wenn er gleich wieder Time Bandits laufen lässt, wird er überall Zwerge sehen und ne Scheiß-Angst vor dem Meister des Bösen kriegen. Der thront in seiner schwarzen Festung und ich in meiner weiß gekachelten (Badezimmerspiegel beschlagen). Ich höhle meine Augen mit den Daumen aus, und komme unvermittelt zu der Überzeugung, das Konzept von Gut und Böse müsse neu überdacht werden. 
Der Körper in der Wanne strahlt eine kalte Friedlichkeit aus, ihr Arm hängt schlaff über dem feinen Porzellan. Ich hatte sie gar nicht vermisst.

Das Konzept von Liebe, könne man gleich mit überdenken, denke ich, und auf dem Weg zurück ins Wohnzimmer kommt mir Caro entgegen, aber Wasser ist alles, was ich denke, und ich trinke ein bitteres Schlückchen aus einer Ampulle, verschlucke mich, und auf dem Monitor läuft bereits die Labyrinthszene, die Zwerge fallen fast über den Rand der steinernen Gänge des Irrgartens, während der gruselige Junge schreit: nein, nicht, es ist eine Falle, und Caros Schrei aus dem Bad legt sich darüber, und ich denke nur, der Film war eine Fehlentscheidung. 

Morris fragt Wasser?, ich sage Badezimmer!, und kurz bevor die Ketaminbombe zündet, hämmere ich auf die Escape-Taste. Der Bildschirmhintergrund wird zu einem Moment größtmöglicher Klarheit:

Caro und Morris, Lia und ich 

werde ihn ändern müssen. 

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näher rücken bunte hände


das schwarze loch im ultraschall / macht die runde unter freunden in den fluren / auf den partys / kindernamen voll erwartung 
ausgerufen / schlagen hinter 
stirnen ein & wirbeln aus 
dritten wochen kämpfe auf / in 
dritten wochen ausgetragen / 
dritten wochen eines paares 
neid verschleiern / trauer wagen: 

gehen täglich durch die gänge 
enger (hab ein bild gemalt) 
näher rücken bunte hände 
greifen nach / den eltern 
nach / verhinderten 
nach erdnüssen 

anna paul und fabian 
lisa lena tausend namen 
verlassen nun den partyabend 
mit den letzten schalen schlucken 
voller frucht und roter blume 
sanft im abgang / zugesagt 
noch vor dem morgen 
ein besuch im 
kindergarten 
der totge 
burten

näher rücken bunte hände


das schwarze loch im ultraschall / macht die runde unter freunden in den fluren / auf den partys / kindernamen voll erwartung 
ausgerufen / schlagen hinter
stirnen ein & wirbeln aus 
dritten wochen kämpfe auf / in
dritten wochen ausgetragen /
dritten wochen eines paares 
neid verschleiern / trauer wagen: 

gehen täglich durch die gänge 
enger (hab ein bild gemalt) 
näher rücken bunte hände 
greifen nach / den eltern 
nach / verhinderten 
nach erdnüssen 

anna paul und fabian 
lisa lena tausend namen 
verlassen nun den partyabend 
mit den letzten schalen schlucken 
voller frucht und roter blume 
sanft im abgang / zugesagt 
noch vor dem morgen 
ein besuch im 
kindergarten 
der totge 
burten

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Fünf Geschichten
Er klappte das Buch zu und starrte ins Leere. Er öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Lotti, wollte er rufen. Lotti Liebling. Aber sie war so tot wie seit drei Jahren. So tot wie Frodo, der gerade in die Feuer des Orodruin gestürzt war. Er klappte das Buch wieder auf und fuhr mit dem Finger die Zeilen nach. Kein Zweifel. Sam weinte um Frodo, Gollum floh mit dem Ring. Nein … Er hatte das Buch zuletzt gelesen, als er ein junger Mann war. Falsch, falsch, falsch!
Lotti, wollte er wieder rufen, aber ihr Name würde nur ungehört von den Büchern verschluckt werden, die ungeordnet und staubig in den Wandregalen standen. Er erhob sich mit knackenden Knien aus seinem Ledersessel. Das erste Buch, das ihm ins Auge sprang, war: Der alte Mann und das Meer. Seine gichtsteifen Finger fächerten die letzten Seiten auf. Er rückte seine Brille zurecht und las gebeugt im Schein der Tischlampe. Santiago fing einen zweiten Marlin. Kein Wort über Haie. Wieder wollte er nach Lotti rufen. Aber was hätte sie schon tun können? Mir eine Hand auf die Wange legen, dachte er, einen Kuss auf die Stirn geben, dachte er, ein mildes Lächeln und hundert Grübchen.
Er schälte das nächste Buch aus dem Regal, strich über den Einband, Der Graf von Monte Christo. Er schlug auf - Edmonds Rache endete nicht. Seine Augen hetzten über die Zeilenreihen. Dantès musste doch erkennen, dass … Dantès erkannte gar nichts. Der letzte Brief an Morell - nie geschrieben. Er brach fast die Leimung, während er nach einem Anzeichen für herausgerissene Seiten suchte und fand sich lächerlich, weil er das Buch schüttelte, in der Hoffnung, Dantès‘ Brief fiele hinaus.
Er feuerte es in die Ecke, schritt an den Regalen entlang. Die Bibel ragte aus den Bücherreihen. Ein Schauer packte ihn und er wagte es nicht, sie anzurühren. Blindlings riss er ein anderes Buch aus dem Regal. Lotti, dachte er, als ihm die vier großen Buchstaben vom Einband entgegensprangen. Sie hat es mir vorgelesen. Jahrzehnte war es her und doch erinnerte er sich, wie ihre Stimme Räume öffnen konnte. Momo wäre ihm fast aus der Hand gefallen. Zitternd schlug er das Buch auf. Er musste nur wenige Passagen überfliegen, ehe sich seine Ahnung bestätigte: Die grauen Herren gewannen.
Er ließ die Arme sacken. Das Buch baumelte aufgeschlagen in seiner Rechten. Mit der Linken stützte er sich an die breite Holzstrebe des Wandregals. Sein Rücken krümmte sich so tief, dass er glaubte, zu fallen. Da erklang hinter ihm: eine helle Stimme. Lotti. Er spürte eine sanfte Berührung auf seiner Schulter. „Was hast du bloß?“, fragte sie. Halb lächelte er im Umdrehen, halb weinte er: „Alle Geschichten enden fal-“ „Sch!“ Sie verschloss seinen Mund mit dem Finger.

Fünf Geschichten

Er klappte das Buch zu und starrte ins Leere. Er öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Lotti, wollte er rufen. Lotti Liebling. Aber sie war so tot wie seit drei Jahren. So tot wie Frodo, der gerade in die Feuer des Orodruin gestürzt war. Er klappte das Buch wieder auf und fuhr mit dem Finger die Zeilen nach. Kein Zweifel. Sam weinte um Frodo, Gollum floh mit dem Ring. Nein … Er hatte das Buch zuletzt gelesen, als er ein junger Mann war. Falsch, falsch, falsch!

Lotti, wollte er wieder rufen, aber ihr Name würde nur ungehört von den Büchern verschluckt werden, die ungeordnet und staubig in den Wandregalen standen. Er erhob sich mit knackenden Knien aus seinem Ledersessel. Das erste Buch, das ihm ins Auge sprang, war: Der alte Mann und das Meer. Seine gichtsteifen Finger fächerten die letzten Seiten auf. Er rückte seine Brille zurecht und las gebeugt im Schein der Tischlampe. Santiago fing einen zweiten Marlin. Kein Wort über Haie. Wieder wollte er nach Lotti rufen. Aber was hätte sie schon tun können? Mir eine Hand auf die Wange legen, dachte er, einen Kuss auf die Stirn geben, dachte er, ein mildes Lächeln und hundert Grübchen.

Er schälte das nächste Buch aus dem Regal, strich über den Einband, Der Graf von Monte Christo. Er schlug auf - Edmonds Rache endete nicht. Seine Augen hetzten über die Zeilenreihen. Dantès musste doch erkennen, dass … Dantès erkannte gar nichts. Der letzte Brief an Morell - nie geschrieben. Er brach fast die Leimung, während er nach einem Anzeichen für herausgerissene Seiten suchte und fand sich lächerlich, weil er das Buch schüttelte, in der Hoffnung, Dantès‘ Brief fiele hinaus.

Er feuerte es in die Ecke, schritt an den Regalen entlang. Die Bibel ragte aus den Bücherreihen. Ein Schauer packte ihn und er wagte es nicht, sie anzurühren. Blindlings riss er ein anderes Buch aus dem Regal. Lotti, dachte er, als ihm die vier großen Buchstaben vom Einband entgegensprangen. Sie hat es mir vorgelesen. Jahrzehnte war es her und doch erinnerte er sich, wie ihre Stimme Räume öffnen konnte. Momo wäre ihm fast aus der Hand gefallen. Zitternd schlug er das Buch auf. Er musste nur wenige Passagen überfliegen, ehe sich seine Ahnung bestätigte: Die grauen Herren gewannen.

Er ließ die Arme sacken. Das Buch baumelte aufgeschlagen in seiner Rechten. Mit der Linken stützte er sich an die breite Holzstrebe des Wandregals. Sein Rücken krümmte sich so tief, dass er glaubte, zu fallen. Da erklang hinter ihm: eine helle Stimme. Lotti. Er spürte eine sanfte Berührung auf seiner Schulter. „Was hast du bloß?“, fragte sie. Halb lächelte er im Umdrehen, halb weinte er: „Alle Geschichten enden fal-“ „Sch!“ Sie verschloss seinen Mund mit dem Finger.

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Wir hatten wieder einmal nicht gestritten. Unsere Beziehung plätscherte so vor sich hin. Ehemals reißender Schmelzwasserfluss am Berghang, jetzt flüsterndes Rinnsal zwischen Felsvorsprüngen. Wir waren uns in einer Schneelandschaft begegnet, aber unser Aufeinandertreffen hatte die Jahreszeiten weiterdrehen können. Aus Winterkälte wurde Frühlingswärme wurde Sommerhitze wurde das, was jetzt ist. Ein milder Herbst, der von der Vergänglichkeit der Liebe erzählt.  

Bilder, ja, die hatten wir zu Genüge im Kopf, nur das Herz kann dem nicht folgen. Heute wissen wir beide, dass der Winter naht, und dass wir wieder am Anfang stehen werden, und nichts gelernt haben. 

Ich hatte eine Idee. Es gab einen Mann, der Verantwortung für uns trug, ohne es zu wissen. Sarah hielt mich für verrückt, als ich ihr sagte, ich hätte Thom Yorke eingeladen.  
„Was hat denn Thom Yorke mit uns zu tun?“, fragte sie und wieder reichte es nicht aus für einen Streit, als ich ihr erklärte: „Er hat diese Bilder in uns gepflanzt, diese Bilder einer Liebe, an der wir nur scheitern können.“  

Kill me, Sarah, kill me again with love.  

Sie verstand noch nicht, dass wir Thom Yorke zur Rede stellen mussten, nicht nur weil wir beide, aufgrund eines seiner Songs zusammengefunden hatten, sondern auch, weil er zu große Sehnsüchte in uns erweckt hatte. Er hatte uns Ansprüche an die Liebe stellen lassen, die im Alltag nicht zu erfüllen waren.  

Schon klopfte es an der Tür und Sarah sah mich nur misstrauisch an, denn ich sagte: „Das muss er schon sein.“  

Ich öffne und auf dem Flur steht dieser eher kleine Mann, dessen Augen keinen eindeutigen Ausdruck kennen, Augen, die immer suchend durch einen leeren Raum tasten. Ich lasse ihn ein und Sarah meint nur skeptisch: „Das soll Thom Yorke sein?“  
Thom sagt abwesend: „Ich lass mein Haar wachsen, ich lass mein Haar wachsen. Ich bin Jim Morisson.“  
„Ist schon gut, Thom“, empfange ich ihn, nehme ihn an der Hand, Sarah an der anderen und führe sie an den ungedeckten Tisch in der Wohnküche. Dort nehmen wir Platz. Sarah sträubt sich nur ein wenig, fragt: „Warum spricht er deutsch?“
„Damit wir ihn verstehen“, antworte ich.  

Sie wendet sich Thom zu. „Wie sind Sie hier hergekommen?“  
„In einem schnellen deutschen Auto. Ich bin erstaunt, dass ich noch am Leben bin, ein Airbag hat mich gerettet.“  
Sarah sieht Thom an, sieht mich an. Ich zucke nur mit den Schultern. „Er muss noch verwirrt sein.“
„Seele zerstört durch schlaue Spielsachen für kleine Jungs.“ Ich werte das als Zustimmung, denn Thom scheint endlich zu sich zu kommen, sagt: „Bitte vergiss die Worte, die mir gerade rausgeplatzt sind. Das war nicht ich, das war mein seltsam schleichender Zweifel.“ Dann: „Für eine Minute, habe ich mich verloren.“  

Sarah kann dem Ganzen nicht folgen. Sitzt uns am Küchentisch gegenüber und meint: „Das ist totaler Irrsinn.“  
„Wenn du mich jetzt aufgibst, werde ich enttäuscht sein, wie nie zuvor“, sagt Thom und seine Worte könnten meine sein. Er dreht sich zu mir. „Du hast mich in das hier verwandelt. Ich wünschte, ich wär kugelsicher.“  
„Ja, das tun wir alle, Thom …“  

Sarah sagt wieder: „Das ist totaler Irrsinn, Rainer, merkst du das nicht?“  
Thom flüstert leise in sich hinein: „Wenn ich bloß der sein könnte, den du haben wolltest“, und ich bitte Sarah darum, sich einfach darauf einzulassen. Vielleicht kann er uns helfen, ein paar Dinge zu begreifen.  
„Wie soll dieser, dieser, ich weiß nicht mal wer oder was er ist. Wie soll der uns helfen?“  
Thom: „Du erinnerst dich nicht. Du erinnerst dich nicht. Warum erinnerst du dich nicht an meinen Namen?“  
Sarah: „Du bist nicht Thom Yorke.“ 
„Wenn ich König bin, stell ich dich zuerst an die Wand, mit deiner Meinung, die so unmaßgeblich ist.“ 
„Rainer, hörst du das? Mach dass er aufhört!“
„Dein Ehrgeiz lässt dich ziemlich hässlich aussehen.“ 
„Rainer, du kannst nicht zulassen, dass er so mit mir redet.“ 
„Könntest du bitte den Krach stoppen, ich brauche ein wenig Ruhe vor all den Stimmen ungeborener Hühner in meinem Kopf.“  

„Beruhigt euch wieder“, sage ich, doch Sarah ist schon vom Tisch aufgestanden und blickt wutstarrend auf Thom hinab. 
„Sarah, siehst du jetzt, was ich meine?“  
„Nein.“  
„Du streitest mit ihm!“  
„Natürlich.“  
„Mit mir streitest du nie.“  
„Warum auch? Wir haben uns gar nichts mehr zu sagen, worüber sollten wir schon streiten?“  

In diesem Moment begriffen wir beide, dass sie mich schon lange nicht mehr liebte und das sagte ich ihr auch, sagte: „Du liebst mich nicht mehr“, und ohne Streit verschwand sie aus der Küche, verschwand sie aus der Wohnung, ohne ein heilsames Krachen der Tür, nur mit einem leisen Klicken und den Worten: „Rainer, wahrscheinlich hast du recht.“  

Thom sitzt noch immer bei mir am Küchentisch. „Das beste was du jemals hattest, ist jetzt fort“, sagt er.  Ich flüstere nur still in mich hinein: „Ich weiß nicht mal, ob ich sie noch liebe, wir haben uns so schnell auseinander bewegt.“  
Thom: „Werd nicht sentimental, das endet immer in Geschwafel.“  
Ich: „Das musst gerade du sagen.“  
„Hör auf zu flüstern, fang an zu schreien.“ 
„Halt die Fresse, Thom.“ 
„Ich bin kein Gemüse. Ich werd mich nicht zügeln. Ich spucke in die Hand die mich füttert, werd mich nicht kontrollieren.“ 
„Du machst mich noch wahnsinnig!“ 
„Das ist was du kriegst, wenn du dich mit uns anlegst.“ 
„Hau endlich ab und lass mich allein.“ 
„Die bekümmerten Worte einer gestörten Seele und ich versteh noch immer nicht, was dich auffrisst.“ 
„Na, dass es mich kaum stört, dass sie mich nicht mehr liebt.“ 
„Du tust dir das selbst an und das ist es, was wirklich schmerzt, dass du es dir selbst antust und niemand sonst.“ 
„Was soll das denn heißen?“ 
„Sie lebt mit einem gebrochenen Mann, einem Mann aus geborstenem Styropor, der nur zerbröckelt und verbrennt.“ 
„Alles ihretwegen, nur ihretwegen.“ 
„Vergiss dein Kartenhaus und ich bau meins.“
„Das hier ist Irrsinn!“, schreie ich endlich.  
Thom meint nur: „Die Panik, die Kotze, Gott liebt seine Kinder, Yeah!“  
Ich wieder: „Das ist Irrsinn!“  
Thom sagt mitleidig: „Du sitzt nur da und wünschst dir, du könntest immer noch lieben.“
Ich spüre ein Schlingern. „Es ist endgültig vorbei, nicht wahr?“  
Thom sagt: „Heute fliehen wir.“  
Das Schlingern wird stärker. „Bin ich endgültig verrückt geworden?“, frage ich ihn.  
„Die Schwerkraft siegt immer“, antwortet er nur.

Ich sitze an meinem ungedeckten Küchentisch. Thom Yorke steht auf und geht. Wir trennen uns wie Wellen an einem leeren Ufer.

Wir hatten wieder einmal nicht gestritten. Unsere Beziehung plätscherte so vor sich hin. Ehemals reißender Schmelzwasserfluss am Berghang, jetzt flüsterndes Rinnsal zwischen Felsvorsprüngen. Wir waren uns in einer Schneelandschaft begegnet, aber unser Aufeinandertreffen hatte die Jahreszeiten weiterdrehen können. Aus Winterkälte wurde Frühlingswärme wurde Sommerhitze wurde das, was jetzt ist. Ein milder Herbst, der von der Vergänglichkeit der Liebe erzählt. 

Bilder, ja, die hatten wir zu Genüge im Kopf, nur das Herz kann dem nicht folgen. Heute wissen wir beide, dass der Winter naht, und dass wir wieder am Anfang stehen werden, und nichts gelernt haben.

Ich hatte eine Idee. Es gab einen Mann, der Verantwortung für uns trug, ohne es zu wissen. Sarah hielt mich für verrückt, als ich ihr sagte, ich hätte Thom Yorke eingeladen. 
„Was hat denn Thom Yorke mit uns zu tun?“, fragte sie und wieder reichte es nicht aus für einen Streit, als ich ihr erklärte: „Er hat diese Bilder in uns gepflanzt, diese Bilder einer Liebe, an der wir nur scheitern können.“ 

Kill me, Sarah, kill me again with love. 

Sie verstand noch nicht, dass wir Thom Yorke zur Rede stellen mussten, nicht nur weil wir beide, aufgrund eines seiner Songs zusammengefunden hatten, sondern auch, weil er zu große Sehnsüchte in uns erweckt hatte. Er hatte uns Ansprüche an die Liebe stellen lassen, die im Alltag nicht zu erfüllen waren. 

Schon klopfte es an der Tür und Sarah sah mich nur misstrauisch an, denn ich sagte: „Das muss er schon sein.“ 

Ich öffne und auf dem Flur steht dieser eher kleine Mann, dessen Augen keinen eindeutigen Ausdruck kennen, Augen, die immer suchend durch einen leeren Raum tasten. Ich lasse ihn ein und Sarah meint nur skeptisch: „Das soll Thom Yorke sein?“ 
Thom sagt abwesend: „Ich lass mein Haar wachsen, ich lass mein Haar wachsen. Ich bin Jim Morisson.“ 
„Ist schon gut, Thom“, empfange ich ihn, nehme ihn an der Hand, Sarah an der anderen und führe sie an den ungedeckten Tisch in der Wohnküche. Dort nehmen wir Platz. Sarah sträubt sich nur ein wenig, fragt: „Warum spricht er deutsch?“
„Damit wir ihn verstehen“, antworte ich. 

Sie wendet sich Thom zu. „Wie sind Sie hier hergekommen?“ 
„In einem schnellen deutschen Auto. Ich bin erstaunt, dass ich noch am Leben bin, ein Airbag hat mich gerettet.“ 
Sarah sieht Thom an, sieht mich an. Ich zucke nur mit den Schultern. „Er muss noch verwirrt sein.“
„Seele zerstört durch schlaue Spielsachen für kleine Jungs.“ Ich werte das als Zustimmung, denn Thom scheint endlich zu sich zu kommen, sagt: „Bitte vergiss die Worte, die mir gerade rausgeplatzt sind. Das war nicht ich, das war mein seltsam schleichender Zweifel.“ Dann: „Für eine Minute, habe ich mich verloren.“ 

Sarah kann dem Ganzen nicht folgen. Sitzt uns am Küchentisch gegenüber und meint: „Das ist totaler Irrsinn.“ 
„Wenn du mich jetzt aufgibst, werde ich enttäuscht sein, wie nie zuvor“, sagt Thom und seine Worte könnten meine sein. Er dreht sich zu mir. „Du hast mich in das hier verwandelt. Ich wünschte, ich wär kugelsicher.“ 
„Ja, das tun wir alle, Thom …“ 

Sarah sagt wieder: „Das ist totaler Irrsinn, Rainer, merkst du das nicht?“ 
Thom flüstert leise in sich hinein: „Wenn ich bloß der sein könnte, den du haben wolltest“, und ich bitte Sarah darum, sich einfach darauf einzulassen. Vielleicht kann er uns helfen, ein paar Dinge zu begreifen. 
„Wie soll dieser, dieser, ich weiß nicht mal wer oder was er ist. Wie soll der uns helfen?“ 
Thom: „Du erinnerst dich nicht. Du erinnerst dich nicht. Warum erinnerst du dich nicht an meinen Namen?“ 
Sarah: „Du bist nicht Thom Yorke.“
„Wenn ich König bin, stell ich dich zuerst an die Wand, mit deiner Meinung, die so unmaßgeblich ist.“
„Rainer, hörst du das? Mach dass er aufhört!“
„Dein Ehrgeiz lässt dich ziemlich hässlich aussehen.“
„Rainer, du kannst nicht zulassen, dass er so mit mir redet.“
„Könntest du bitte den Krach stoppen, ich brauche ein wenig Ruhe vor all den Stimmen ungeborener Hühner in meinem Kopf.“ 

„Beruhigt euch wieder“, sage ich, doch Sarah ist schon vom Tisch aufgestanden und blickt wutstarrend auf Thom hinab.
„Sarah, siehst du jetzt, was ich meine?“ 
„Nein.“ 
„Du streitest mit ihm!“ 
„Natürlich.“ 
„Mit mir streitest du nie.“ 
„Warum auch? Wir haben uns gar nichts mehr zu sagen, worüber sollten wir schon streiten?“ 

In diesem Moment begriffen wir beide, dass sie mich schon lange nicht mehr liebte und das sagte ich ihr auch, sagte: „Du liebst mich nicht mehr“, und ohne Streit verschwand sie aus der Küche, verschwand sie aus der Wohnung, ohne ein heilsames Krachen der Tür, nur mit einem leisen Klicken und den Worten: „Rainer, wahrscheinlich hast du recht.“ 

Thom sitzt noch immer bei mir am Küchentisch. „Das beste was du jemals hattest, ist jetzt fort“, sagt er.  Ich flüstere nur still in mich hinein: „Ich weiß nicht mal, ob ich sie noch liebe, wir haben uns so schnell auseinander bewegt.“ 
Thom: „Werd nicht sentimental, das endet immer in Geschwafel.“ 
Ich: „Das musst gerade du sagen.“ 
„Hör auf zu flüstern, fang an zu schreien.“
„Halt die Fresse, Thom.“
„Ich bin kein Gemüse. Ich werd mich nicht zügeln. Ich spucke in die Hand die mich füttert, werd mich nicht kontrollieren.“
„Du machst mich noch wahnsinnig!“
„Das ist was du kriegst, wenn du dich mit uns anlegst.“
„Hau endlich ab und lass mich allein.“
„Die bekümmerten Worte einer gestörten Seele und ich versteh noch immer nicht, was dich auffrisst.“
„Na, dass es mich kaum stört, dass sie mich nicht mehr liebt.“
„Du tust dir das selbst an und das ist es, was wirklich schmerzt, dass du es dir selbst antust und niemand sonst.“
„Was soll das denn heißen?“
„Sie lebt mit einem gebrochenen Mann, einem Mann aus geborstenem Styropor, der nur zerbröckelt und verbrennt.“
„Alles ihretwegen, nur ihretwegen.“
„Vergiss dein Kartenhaus und ich bau meins.“
„Das hier ist Irrsinn!“, schreie ich endlich. 
Thom meint nur: „Die Panik, die Kotze, Gott liebt seine Kinder, Yeah!“ 
Ich wieder: „Das ist Irrsinn!“ 
Thom sagt mitleidig: „Du sitzt nur da und wünschst dir, du könntest immer noch lieben.“
Ich spüre ein Schlingern. „Es ist endgültig vorbei, nicht wahr?“ 
Thom sagt: „Heute fliehen wir.“ 
Das Schlingern wird stärker. „Bin ich endgültig verrückt geworden?“, frage ich ihn. 
„Die Schwerkraft siegt immer“, antwortet er nur.

Ich sitze an meinem ungedeckten Küchentisch. Thom Yorke steht auf und geht. Wir trennen uns wie Wellen an einem leeren Ufer.

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Maries innere wie äußere Ordnung


Ihr Gang verriet dem geübten Auge: verschieden lange Beine. 

Vielleicht war sie sich deshalb stets jedem Schritt bewusst, auch den Blicken, die auf ihr lagen, selbst dann, wenn niemand in der Nähe war, der sie hätte sehen können. 

Manchmal brachten sie diese, nur in ihrem wohlgeordneten Kopf vorhandenen Blicke, ins Stolpern, nicht etwa die Ungleichheit der Beine, jene geringste Form der körperlichen Asymmetrie, und dennoch ein Makel, dem sie hin und wieder zu viel Raum in ihrem Denken zugestand. 

Marie war gesegnet mit Struktur: Zähne, als hätte man sie geplant, Haare wie gemalt, Brüste, als seien sie entworfen, und teilte man Marie in zwei Hälften, nichts ginge von ihr verloren.

Orthopädische Schuhe, diesen Rat gab ihr nicht etwa ein Arzt. 

Vielleicht taten es auch Einlagen, meinte ihr Therapeut am Ende der Sitzung, viel mehr hatte er nicht gesagt, nur oft genickt und dann dieser Finger, der ständig an die Lippen tippte. 

Maries innere wie äußere Ordnung hatten unterdessen bereits mehrfach der Versuchung widerstanden, zusammenzubrechen, unter der übereinandergeschlagenen Anwesenheit des nackt wippenden Fremdkörpers, der sich nicht mehr als Bein bezeichnen ließ.   

Trotzdem wuchs in dieser messerscharf vernünftigen Frau mit jedem Schritt, der sich zu einem hochgradig unperfekten Gang formte, der Gedanke, eines Tages würde sie es abtrennen. 

Ihr Gang verriete dem geübten Auge dann: ein makelloses Bein. 

Maries innere wie äußere Ordnung


Ihr Gang verriet dem geübten Auge: verschieden lange Beine. 

Vielleicht war sie sich deshalb stets jedem Schritt bewusst, auch den Blicken, die auf ihr lagen, selbst dann, wenn niemand in der Nähe war, der sie hätte sehen können. 

Manchmal brachten sie diese, nur in ihrem wohlgeordneten Kopf vorhandenen Blicke, ins Stolpern, nicht etwa die Ungleichheit der Beine, jene geringste Form der körperlichen Asymmetrie, und dennoch ein Makel, dem sie hin und wieder zu viel Raum in ihrem Denken zugestand. 

Marie war gesegnet mit Struktur: Zähne, als hätte man sie geplant, Haare wie gemalt, Brüste, als seien sie entworfen, und teilte man Marie in zwei Hälften, nichts ginge von ihr verloren.

Orthopädische Schuhe, diesen Rat gab ihr nicht etwa ein Arzt. 

Vielleicht taten es auch Einlagen, meinte ihr Therapeut am Ende der Sitzung, viel mehr hatte er nicht gesagt, nur oft genickt und dann dieser Finger, der ständig an die Lippen tippte. 

Maries innere wie äußere Ordnung hatten unterdessen bereits mehrfach der Versuchung widerstanden, zusammenzubrechen, unter der übereinandergeschlagenen Anwesenheit des nackt wippenden Fremdkörpers, der sich nicht mehr als Bein bezeichnen ließ.   

Trotzdem wuchs in dieser messerscharf vernünftigen Frau mit jedem Schritt, der sich zu einem hochgradig unperfekten Gang formte, der Gedanke, eines Tages würde sie es abtrennen. 

Ihr Gang verriete dem geübten Auge dann: ein makelloses Bein. 

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Relativitätstheorie Unser
Gebogen werde die Raumzeit
Längenkontraktion komme
Zeitdiletation geschehe
Wie Energie so mcQuadrat

Unsere Quantengravitation gib uns heute
Und vergib uns das Kratzen am Kopf
Wie auch wir vergeben deine
Unverständlichkeit

Und führe uns nicht in Verwirrung
Sondern lehre uns die Gesetze
Des Raums und der Zeit
In Lichtgeschwindigkeit
Amen

Relativitätstheorie Unser
Gebogen werde die Raumzeit
Längenkontraktion komme
Zeitdiletation geschehe
Wie Energie so mcQuadrat

Unsere Quantengravitation gib uns heute
Und vergib uns das Kratzen am Kopf
Wie auch wir vergeben deine
Unverständlichkeit

Und führe uns nicht in Verwirrung
Sondern lehre uns die Gesetze
Des Raums und der Zeit
In Lichtgeschwindigkeit
Amen

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Am Meeresboden ohne Makel 
Stand Quoralupp, die Frohsinnsqualle 
Auf einem einzigen Tentakel. 
Daneben hing ihr Freund Koralle 
An einem Felsen, menetekelt: 
„Du hast sie doch wohl nicht mehr alle!“ 

Er sprach‘s und schaute angeekelt 
Auf hoch erhob‘ne Faden-Arme, 
Hätt gerne noch mehr rumgemäkelt, 
War er doch Zyniker! Und wahrer 
Frohsinn? Ihm zuwider! Ein Debakel! 

Quora aber tanzte weiter: 
„Welch Spaß - Hurra! - 
Du, Koralle, sieh doch mal!“ 
Ihr Lächeln wurde immer breiter:
„Tausend Arme hab ich Qualle, 
Alle sind zum Tanzen da!“ 

Freund Koralles Auge rollte. 
Grausam fand er, was er sah. 
Der rosa Reigen flog befreiter 
Mit jeder Drehung irrsinnsheitrer 
Und er grollte: „Komm mal klar!“ 

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Die Stille


Lauf, denkt er. 
Lauf, liegt ihm auf der Zunge. 

Als Kind schon fett gewesen, drüben im Osten, zwischen grauen Blöcken, Hetzjagd in die Jugend. Wow, denk ich, wow, hattest es nicht leicht. Vom ersten Kuss zum ersten Fick und alle ham sie sich geekelt, sogar die Nutten. 

Warum müssen diese Wichser im letzten Augenblick immer an Sex denken? Leben nennt er das, was da vorbeizieht. Belügt sich jetzt noch. Das ist das Armseligste. 

Ein Klick. 

Freude schöner Götterfunken in die Mundhöhle. Ich knips ihm seine Scheiß-Bildermaschine aus. Das Blitzlichtgewitter der Sinneindrücke, dann Hirn am Samtvorhang, aber dazwischen
- jedes verdammte Mal -
roter Honig.
Schwimme drin.
Ersaufe dran. 

Wenn er mich endlich auskotzt, aus seinem Hinterkopf, wallt der Samt und schluckt die Brocken. Tausend Frauenstimmen singen: Wer auch nur eine Seele sein nennt.
Es ist immer die Neunte, immer die Neunte. Höre sie, egal ob Pole, Deutscher, Russe. Dann:
Stille. 

Stehe rot in rot im Separee
und habe einiges gesehn,
in aufgerissenen Augen,
in Honigseen.

Das Einzige,
was einer Seele nahe kommt,
ist die Stille 

(nach Beethoven -
beim Reinigen 
der Waffe).

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schattengewächse


frauenmantel ungetragen 
schaumblüte in nierenschale 
augenringe funkienfarben 
drainagenbeutel immergrün 

ein schaublatt am fussende 
trägt äskulap- und aronstab 
der monitor zeigt digitalis 
die werte meiner erika 

flammenblume fast erloschen 
annemonen-metastasen 
röntgenbilder voller schatten 
leberblumen lungenkraut 

ich zünde eine silberkerze
stell sie in den grabsteinklee
christrose vergissmeinnicht
- gebete vor dem beet

schattengewächse


frauenmantel ungetragen 
schaumblüte in nierenschale 
augenringe funkienfarben 
drainagenbeutel immergrün 

ein schaublatt am fussende 
trägt äskulap- und aronstab 
der monitor zeigt digitalis 
die werte meiner erika 

flammenblume fast erloschen 
annemonen-metastasen 
röntgenbilder voller schatten 
leberblumen lungenkraut 

ich zünde eine silberkerze
stell sie in den grabsteinklee
christrose vergissmeinnicht
- gebete vor dem beet